(Ein wissenschaftlicher Text)

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Erinnerungen geben unserem Leben Sinn.  Farben, Gerüche, Gefühle an denen man sich festhalten kann. Sie sind verpackt in Glaskästen und liegen in unserem Kopf. Wenn man sie nicht regelmässig hervorholt, anhaucht und abwischt, wenn man nicht immer wieder hineinschaut in das geschäftige Treiben in ihrem Innern, so verstauben sie. Mit den Jahren bildet der Staub eine dicke Schicht, eine harte Kruste, die weder Licht noch Luft durchlässt. An der Dunkelheit zergehen die Erinnerungen, sie schrumpfen langsam, bis irgendwann nur noch das Glaskästchen da ist – eine vage Ahnung von dem, was Früher einmal war.

Die schönsten, lebhaftesten Erinnerungen aber bleiben. Sie strahlen ein solches Licht und eine solche Wärme aus, dass sie manchmal sogar auch alle anderen Erinnerungen nähren. Alles, was sie brauchen, ist Zeit. Man braucht Zeit für sich selbst, Zeit, die Glaskästchen zu putzen, Zeit, sie sich anzusehen und ihnen einen Platz zu geben, in der Vergangenheit und im Jetzt.

Nun mag man sich fragen, woraus das Glas besteht, in dem die Erinnerungen wohnen. Es sind erstarrte Träume. Jeder unerfüllte Traum wird in den Hinterkopf geschleudert, zu den bösen Gedanken, wo er erfriert in der Kälte, erstarrt und zu Boden sinkt und ein Kästchen bildet für eine neue Erinnerung, die noch frisch und kräftig, in der Gegenwart verankert dasitzt.

Es ist ein Kreislauf des Sterbens und Schaffens, der sich hier dreht und erst mit dem Ende der bewussten Existenz des Menschen angehalten wird: Ein Traum erstarrt, erfriert an den schlechten Gedanken, ein Schmerz, ein Stich im Herzen. Doch der erstarrte Traum bildet eine schützende Hülle für eine neue, schöne Erinnerung, die sich einnistet und immer heller strahlt, die Glaskästchen glitzern lässt, ihnen ein neues Leben und einen neuen Sinn schenkt. So entsteht die Hoffnung, steigt auf, kleine, feine Bläschen, die sich verdichten und vermischen und einen neuen Traum erschaffen. Immer läuft dieser Kreis weiter, angetrieben von der Zeit, die man sich für sich selbst nimmt. Kein Glied der Kette darf fehlen. Kann ein Mensch nicht hoffen, so wird er niemals Träume haben. Die Erinnerungen können nirgends wohnen, sie vermischen sich zu einer dichten Masse, erdrücken die kleinen, feinen, schwachen unter ihnen. Die grossen, schillernden prallen wieder und wieder zusammen, mehr und mehr Teile verpuffen und die Essenz, die bleibt, sind die konzentrierten Gefühle aus einem ganzen, vollen Leben.

Das kann kein Mensch ertragen. Unweigerlich werden die Gefühle in den Körper fliessen, alles lähmen, alles ersticken, den Menschen aushöhlen und die leere Hülle bald dem Wahnsinn überlassen. Und wo bleibt da noch der Sinn des Lebens?

Verloren, unweigerlich.

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