Künstlich

Kunst ist nicht immer einfach zu verstehen. Ausser natürlich, sie ist so zugänglich wie dieses Oeuvre an der Limmat in Zürich. Ein rotes Boot, auf Heck stehend mit Loch – einem Zwischenraum hindurchzuschauen gewissermassen. Vielleicht eine Reminiszenz an Christian Morgenstern? Bei Ihm gab es vor gut 100 Jahren ein ästhetisches Wiesel, welches man heute auch noch kennt.

Ulrich Plenzdorf: Die Legende vom Glück ohne Ende

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Liebevoll-ironisch und ehrlich erzählt Plenzdorf in schlichter Sprache die Geschichte von Paul und Paula, die sich in den Siebzigern in Ostberlin abspielt. Er durchleuchtet die Protagonisten, die keineswegs makellos sind und Plenzdorf, neben den andern Charakteren, eine Bühne für geschickt getarnte Kritik an der DDR bieten, ohne sie jedoch zu verurteilen.

Paul, ein gelehrter, an seiner Dienststelle erfolgreicher und folglich systemtreuer Mann, der in seiner gesamten bisherigen Karriere keine Entscheidung tatsächlich selbst getroffen hat, der morgens im Dienstwagen synchron mit seinen Kollegen die Zeitung aus dem Koffer mit Schnappverschluss nimmt, um sie sich vors Gesicht zu halten, und der abends zu seiner schönen, adretten, aber dummen Gattin zurückkehrt, die er sich so zurechterzogen hat. Paula, die mit Bildung nie viel am Hut hatte und in einer Kaufhalle, wo die Frischwaren staubig und die Kühltruhen verschlammt sind, in der Flaschenrücknahme arbeitet, um für ihre Kinder – die Tochter von einem Trinker und der Sohn von einem hundeäugigen Achterbahnkassierer – aufzukommen. Diese beiden, die ihre Kindheit zusammen verlebt haben, treffen sich als Erwachsene wieder und werden nach einer durchtanzten Nacht zu Paulundpaula.

Gerüchte, Legenden ranken sich um die beiden. Alle werden sie erläutert und berichtigt von einem anonymen Erzähler, der sich selbst bescheiden als „meine Person“ bezeichnet. Anlass zu solchen Gerüchten bieten Paulundpaula genug und der Erzähler scheint über den Hergang eines jeden dieser Anlässe genauestens Bescheid zu wissen: Paul, der erst zu Paula stehen will, als deren Sohn überfahren wird, damit aber zu spät kommt und der in seiner verzweifelten Hartnäckigkeit daraufhin den ganzen Sommer über vor Paulas Tür schläft, um jederzeit deren werbenden potentiellen künftigen Ehemann vertreiben zu können, der Paulas Grossvater sein könnte, aber finanzielle Sicherheit und ein neues Leben für Paula mit sich brächte. Paulundpaula, die nach jenem Sommer so unzertrennlich werden, dass Paul mit viel Mühe „die Branche wechselt“ und in Paulas Kaufhaus zu arbeiten beginnt, um stets bei ihr sein zu können. Paula, die trotz geringer Überlebenschancen Pauls Kind zur Welt bringen will und dabei stirbt. Paul, der seinen Verstand verliert, was aber die Behörden nicht erfahren dürfen, da ihm sonst die Kinder weggenommen werden. Paul, der in der Kaufhalle Laura trifft, die aussieht wie Paula und doch nicht Paula ist, obschon in ihrem Namen nur ein Buchstabe falsch ist und einer an falscher Stelle steht. Die Geschichte von Laura und Paul und schliesslich Pauls Unfall.

Nie weiss man, wie sehr man dem Erzähler trauen kann. Seine Legende vom Glück ohne Ende verbindet subtil realistische, alltägliche mit beinah märchenhaften Elementen, ähnlich wie bei E.T.A. Hoffmann. Stück für Stück und chronologisch geordnet gibt er die Handlung Preis, würzt sie jedoch mit ständigen Andeutungen über bevorstehende Geschehnisse, sodass man das Buch gar nicht mehr aus den Händen legen mag.

Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns

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Einen „Moralisten mit clownesken Zügen“ nannte 1987 Marcel Reich-Ranicki Heinrich Böll, jenen bedeutenden Schriftsteller der Trümmerliteratur. Ein Clown auch Bölls Protagonist im 1963  erschienenen Roman, ein Komiker, dessen Leben die Komik entfällt. Wenig dicker als dessen Zigarettenschachtel liegt die Geschichte von Hans Schnier in der Hand, dreieinhalb Stunden bloss umfasst die Rahmengeschichte. Schnier raucht, telefoniert und rechnet mit der Gesellschaft ab. Seine Sätze tragen in ihrer Schlichte die grossen Vorwürfe des Zeitkritikers Böll.

Böll schont seine Leser. Indirekt äussert er seine Kritik, in Personen verpackt, durch Satire. Er spricht, so  Reich-Ranicki, „von deutscher Schuld und Deutscher Literatur in einem Atemzug“. Böll malt den katholischen Spiessbürger, den ehemaligen Nationalsozialisten, der sich in den Schutz der Amtskirche verschlichen hat. Während eines Interviews mit Reich-Ranicki sagte Böll: „Aber im Grunde interessieren mich als Autor nur zwei Themen: die Liebe und die Religion. Für beide Themen ist im innerdeutschen Katholizismus kein Platz.“

So verliert Schnier denn auch seine Freundin Marie an deren katholische Glaubensgenossen. Sie streift ihn mitsamt seinem laschen Künstlerleben ab und heiratet einen katholischen Verbandsfunktionären, dessen Name allein schon ein geordnetes Leben ausserhalb des Konkubinats, wie Böll einen Theologen Maries Partnerschaft mit Schnier bezeichnen lässt, verspricht.

Manchen Lesern schien seinerzeit Bölls Beziehung zur Kirche ein wenig frivol. Tatsächlich unterschied der Autor aber sehr genau zwischen Glauben und der bürokratischen Glaubensauslebung durch die Kirche, wobei er letztere stark kritisierte, obschon er behauptete, dass Ansichten eines Clowns „nicht vom Anti-Katholizismus geprägt“ sei.

Schnier, der am Telefon Gerüche wahrnehmen kann und um zu leben mit erlernt ausdrucksloser Mimik jene Menschen unterhält, die er ablehnt, verfällt nach Maries Verlassen gänzlich dem Alkohol und seiner Melancholie. Diese hilflose Trostlosigkeit setzt ein Ausrufezeichen hinter Bölls Vorwürfe.

,,Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“, sagt Hans Schnier an einer Stelle. Die plakativsten Augenblicke aus seinem Leben, in regelmässigen Reflexionen erzählt, suggerieren schon den Lebensstil des Clowns. Er lebt nicht in der Realität, sondern für die Rückblenden auf sein Leben, an dessen Wendepunkt er gerade steht.  Der innere Konflikt des Protagonisten spitzt sich zu und verlangt nach einer Lösung, die nur in der Handlungsebene zu finden ist. Doch immer lässt Böll die Handlung in die fragmentarische Erinnerungsebene Schniers zurückfallen und dehnt die dreieinhalb Stunden weiter und weiter. Wer als Leser nach einer überraschenden Pointe fragt, ist fehl am Platz.

Der Roman ist wohlkonstruiert. Geschickt stellt Böll Erinnerungen und Realität einander gegenüber, wodurch teilweise das eine schwer vom andern zu unterscheiden ist, und tritt dabei als Erzähler vollständig zurück. Alles ist eingefärbt durch die Perspektive des Protagonisten und am Ende des Buches bleibt kein auktorialer Erzähler, um dem Leser den noch halboffenen Schluss zu deuten. Das soll so auch nicht sein. Die Lektüre dieses Buches ist ein Einblick in den Versuch Bölls, Vergangenheit und Gegenwart zu verarbeiten. Der Leser will das Werk vollumfänglich verstehen, sucht den Schlüssel in der Offenheit dessen Ende. Er beginnt, zu reflektieren – und tut so genau das, was Böll wollte.