Libellen-Jagd

Beim Versuch eine Libelle über spiegelndem Wasser zu fotografieren, lernt man die Grenzen digitaler Fotografie kennen. Wie habe ich mir meine alte F2 zurück gewünscht. Allerdings nur, bis das Couvert mit 35 unbrauchbaren Bildern zurückgekommen wäre.

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Mehr Bergromantik geht nicht

Etwas Bergromantik muss sein. Besonders am 1. August. Die Schwinget auf der Alp Fops ob Lenzerheide wurde zum Meisterwerk. Unendlich viel Schweiz und traditionelle Werte vor perfekter Bergkulisse. Ganz einfach und doch so grossartig.

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Die wirkliche Authentizität dieses Anlasses war aber am Vortag sichtbar. Als die Männer den Sägemehl-Ring bereit machten, wurde in der Hütte der Mittagstisch mit Schellenursli Tellern vorbereitet. Das geht doch fast etwas zu weit – ist aber wirklich echt.

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Minöxli

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Die kleine Minox – ein Seligkeitsding, das viel Licht und eine ruhige Hand braucht; vor allem bei Zoomversuchen. Filmen könnte sie, kann sie aber nicht. Dafür hat sie eine Seele und erfordert eine andere Schwerpunktsetzung als gewöhnlich beim Fotographieren… Perspektive, Formen vor Farben, aber keine Knipsbilder, keine Stillleben und kein hübsch verwischter Hintergrund, denn Tiefenschärfe ist für die Minox ein Fremdwort. Das beherrsche ich alles noch nicht. Eine sehr erfrischende Herausforderung, wenn man einmal aus seiner normalen Fotoroutine ausbrechen möchte. Weiteres Plus für die Kleine: Weniger brauchbare und noch weniger gelungene Bilder bedeuten erleichtertes Aussortieren (rücksichtslos Löschen ist eine gute Übung) und grössere Freude an den verbleibenden Fotos. Hallo, LoFi!

My beautiful picture

My beautiful picture

Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns

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Einen „Moralisten mit clownesken Zügen“ nannte 1987 Marcel Reich-Ranicki Heinrich Böll, jenen bedeutenden Schriftsteller der Trümmerliteratur. Ein Clown auch Bölls Protagonist im 1963  erschienenen Roman, ein Komiker, dessen Leben die Komik entfällt. Wenig dicker als dessen Zigarettenschachtel liegt die Geschichte von Hans Schnier in der Hand, dreieinhalb Stunden bloss umfasst die Rahmengeschichte. Schnier raucht, telefoniert und rechnet mit der Gesellschaft ab. Seine Sätze tragen in ihrer Schlichte die grossen Vorwürfe des Zeitkritikers Böll.

Böll schont seine Leser. Indirekt äussert er seine Kritik, in Personen verpackt, durch Satire. Er spricht, so  Reich-Ranicki, „von deutscher Schuld und Deutscher Literatur in einem Atemzug“. Böll malt den katholischen Spiessbürger, den ehemaligen Nationalsozialisten, der sich in den Schutz der Amtskirche verschlichen hat. Während eines Interviews mit Reich-Ranicki sagte Böll: „Aber im Grunde interessieren mich als Autor nur zwei Themen: die Liebe und die Religion. Für beide Themen ist im innerdeutschen Katholizismus kein Platz.“

So verliert Schnier denn auch seine Freundin Marie an deren katholische Glaubensgenossen. Sie streift ihn mitsamt seinem laschen Künstlerleben ab und heiratet einen katholischen Verbandsfunktionären, dessen Name allein schon ein geordnetes Leben ausserhalb des Konkubinats, wie Böll einen Theologen Maries Partnerschaft mit Schnier bezeichnen lässt, verspricht.

Manchen Lesern schien seinerzeit Bölls Beziehung zur Kirche ein wenig frivol. Tatsächlich unterschied der Autor aber sehr genau zwischen Glauben und der bürokratischen Glaubensauslebung durch die Kirche, wobei er letztere stark kritisierte, obschon er behauptete, dass Ansichten eines Clowns „nicht vom Anti-Katholizismus geprägt“ sei.

Schnier, der am Telefon Gerüche wahrnehmen kann und um zu leben mit erlernt ausdrucksloser Mimik jene Menschen unterhält, die er ablehnt, verfällt nach Maries Verlassen gänzlich dem Alkohol und seiner Melancholie. Diese hilflose Trostlosigkeit setzt ein Ausrufezeichen hinter Bölls Vorwürfe.

,,Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“, sagt Hans Schnier an einer Stelle. Die plakativsten Augenblicke aus seinem Leben, in regelmässigen Reflexionen erzählt, suggerieren schon den Lebensstil des Clowns. Er lebt nicht in der Realität, sondern für die Rückblenden auf sein Leben, an dessen Wendepunkt er gerade steht.  Der innere Konflikt des Protagonisten spitzt sich zu und verlangt nach einer Lösung, die nur in der Handlungsebene zu finden ist. Doch immer lässt Böll die Handlung in die fragmentarische Erinnerungsebene Schniers zurückfallen und dehnt die dreieinhalb Stunden weiter und weiter. Wer als Leser nach einer überraschenden Pointe fragt, ist fehl am Platz.

Der Roman ist wohlkonstruiert. Geschickt stellt Böll Erinnerungen und Realität einander gegenüber, wodurch teilweise das eine schwer vom andern zu unterscheiden ist, und tritt dabei als Erzähler vollständig zurück. Alles ist eingefärbt durch die Perspektive des Protagonisten und am Ende des Buches bleibt kein auktorialer Erzähler, um dem Leser den noch halboffenen Schluss zu deuten. Das soll so auch nicht sein. Die Lektüre dieses Buches ist ein Einblick in den Versuch Bölls, Vergangenheit und Gegenwart zu verarbeiten. Der Leser will das Werk vollumfänglich verstehen, sucht den Schlüssel in der Offenheit dessen Ende. Er beginnt, zu reflektieren – und tut so genau das, was Böll wollte.

(Ein wissenschaftlicher Text)

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Erinnerungen geben unserem Leben Sinn.  Farben, Gerüche, Gefühle an denen man sich festhalten kann. Sie sind verpackt in Glaskästen und liegen in unserem Kopf. Wenn man sie nicht regelmässig hervorholt, anhaucht und abwischt, wenn man nicht immer wieder hineinschaut in das geschäftige Treiben in ihrem Innern, so verstauben sie. Mit den Jahren bildet der Staub eine dicke Schicht, eine harte Kruste, die weder Licht noch Luft durchlässt. An der Dunkelheit zergehen die Erinnerungen, sie schrumpfen langsam, bis irgendwann nur noch das Glaskästchen da ist – eine vage Ahnung von dem, was Früher einmal war.

Die schönsten, lebhaftesten Erinnerungen aber bleiben. Sie strahlen ein solches Licht und eine solche Wärme aus, dass sie manchmal sogar auch alle anderen Erinnerungen nähren. Alles, was sie brauchen, ist Zeit. Man braucht Zeit für sich selbst, Zeit, die Glaskästchen zu putzen, Zeit, sie sich anzusehen und ihnen einen Platz zu geben, in der Vergangenheit und im Jetzt.

Nun mag man sich fragen, woraus das Glas besteht, in dem die Erinnerungen wohnen. Es sind erstarrte Träume. Jeder unerfüllte Traum wird in den Hinterkopf geschleudert, zu den bösen Gedanken, wo er erfriert in der Kälte, erstarrt und zu Boden sinkt und ein Kästchen bildet für eine neue Erinnerung, die noch frisch und kräftig, in der Gegenwart verankert dasitzt.

Es ist ein Kreislauf des Sterbens und Schaffens, der sich hier dreht und erst mit dem Ende der bewussten Existenz des Menschen angehalten wird: Ein Traum erstarrt, erfriert an den schlechten Gedanken, ein Schmerz, ein Stich im Herzen. Doch der erstarrte Traum bildet eine schützende Hülle für eine neue, schöne Erinnerung, die sich einnistet und immer heller strahlt, die Glaskästchen glitzern lässt, ihnen ein neues Leben und einen neuen Sinn schenkt. So entsteht die Hoffnung, steigt auf, kleine, feine Bläschen, die sich verdichten und vermischen und einen neuen Traum erschaffen. Immer läuft dieser Kreis weiter, angetrieben von der Zeit, die man sich für sich selbst nimmt. Kein Glied der Kette darf fehlen. Kann ein Mensch nicht hoffen, so wird er niemals Träume haben. Die Erinnerungen können nirgends wohnen, sie vermischen sich zu einer dichten Masse, erdrücken die kleinen, feinen, schwachen unter ihnen. Die grossen, schillernden prallen wieder und wieder zusammen, mehr und mehr Teile verpuffen und die Essenz, die bleibt, sind die konzentrierten Gefühle aus einem ganzen, vollen Leben.

Das kann kein Mensch ertragen. Unweigerlich werden die Gefühle in den Körper fliessen, alles lähmen, alles ersticken, den Menschen aushöhlen und die leere Hülle bald dem Wahnsinn überlassen. Und wo bleibt da noch der Sinn des Lebens?

Verloren, unweigerlich.